Westafrika • Senegal

Senegal

Senegal zeichnet sich durch kulturelle und ethnische Vielfalt sowie eine im regionalen Vergleich relativ stabile institutionelle Entwicklung aus. Mit der Wahl von Bassirou Diomaye Faye zum Präsidenten im März 2024 und dem klaren Parlamentssieg seiner links-populistischen Partei PASTEF im November desselben Jahres befindet sich das Land in einer Phase des politischen Umbruchs. Faye trat als Antikorruptionskanditat an mit dem Versprechen die staatlichen Institutionen grundlegend zu reformieren - doch die Erwartungen treffen auf einen Alltag, der weiterhin von sozialer Ungleichheit, Prekarität und eingeschränktem Zugang zu öffentlichen Leistungen geprägt ist.

Senegal hat eine sehr junge Bevölkerung. Fehlende Ausbildungs- und Einkommensperspektiven setzen insbesondere Jugendliche unter Druck. Diese Situation wirkt sich direkt auf Bereiche wie Migration, frühe Familiengründung, wirtschaftliche Abhängigkeit und eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsleistungen aus. Gerade für Frauen bleibt ökonomische Stärkung zentral, weil wirtschaftliche Unsicherheit ihre Handlungsspielräume in Familie und Gesellschaft erheblich begrenzt.

Der Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten bleibt ungleich verteilt. Jugendgerechte, vertrauliche und niederschwellige Angebote sind vielerorts unzureichend. Gesellschaftliche Tabus rund um Sexualität, Menstruation, Gewalt und reproduktive Rechte erschweren informierte Entscheidungen, insbesondere für Jugendliche sowie für Frauen und Mädchen in prekären Lebenslagen.

Gleichzeitig nimmt der Gegenwind gegenüber geschlechtergerechten Veränderungen zu. Debatten über Geschlechterrollen, Sexualität und reproduktive Rechte verlaufen zunehmend polarisiert. Im Juli 2025 wurde dies besonders sichtbar, als eine in Dakar geplante Veranstaltung zum Austausch über sexuelle Vielfalt und Rechte nach einer Warnung der senegalesischen Behörden abgesagt wurde. Diese Entwicklung macht deutlich, wie wenig sichere Räume es für Gespräche über sensible Themen gibt. Sie verweist auf einen breiteren konservativen Backlash, in dem Anliegen rund um Gendergerechtigkeit, körperliche Selbstbestimmung und sexuelle Rechte rasch als Angriff auf gesellschaftliche oder religiöse Werte dargestellt werden.

Geschlechtsspezifische Gewalt bleibt ein gravierendes Problem. Dazu gehören häusliche und sexualisierte Gewalt ebenso wie weibliche Genitalbeschneidung, die insbesondere im Süden und Südosten des Landes weiterhin verbreitet ist. Viele Fälle werden nicht gemeldet, sei es aus Angst vor Stigmatisierung, wirtschaftlicher Abhängigkeit oder mangelndem Vertrauen in Schutz- und Justizsysteme. Funktionierende Referenzsysteme, die betroffenen Frauen nach einem Gewaltvorfall tatsächlich angemessene Unterstützung ermöglichen, sind vielerorts lückenhaft. Auch juristische und psychosoziale Hilfe ist häufig nur begrenzt verfügbar oder für Betroffene schwer erreichbar. Gerade deshalb gewinnen lokale Anlaufstellen, gemeinschaftsbasierte Schutzmechanismen und wirtschaftliche Perspektiven für Frauen an Bedeutung.

Senegal

Projekte

Aufwachsen ohne Angst vor Beschneidung
Unsere Partnerorganisation Eusobul setzt sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in der Region Blouf sicher und frei von Gewalt aufwachsen können. Ein wichtiger Bestandteil sind Patenschaften: Jugendliche begleiten neugeborene Mädchen in den ersten Lebensjahren und tragen dazu bei, Beschneidungen zu verhindern. 2025 begleiteten Jugendliche 623 neugeborene Mädchen – keines davon wurde beschnitten.
In allen 21 Dörfern bekräftigten die Beschneiderinnen, keine Mädchen mehr zu beschneiden. 94% der Gemeindemitglieder akzeptieren inzwischen, dass auch unbeschnittene Mädchen am Initiationsritual Gassousse teilnehmen dürfen. 1'146 Teilnehmende kamen zudem in intergenerationellen Dialogen zusammen, um den gesellschaftlichen Wandel zu festigen.

Projektkosten**: CHF 172'000

Aufwachsen ohne Angst vor Beschneidung

Wirtschaftliche Stärkung und Schutz vor Gewalt
In Malika stärkt unsere Partnerorganisation Intermondes die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen und verbessert ihren Schutz vor Gewalt. Als Zentrum dient die «Maison de la femme», eine Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen und ein Ort für wirtschaftliche Aktivitäten.
Bereits im ersten Projektjahr zeigten sich wichtige Fortschritte: 35 Frauen leiten heute Kleinstunternehmen, und 78% der 200 dort tätigen Frauen konnten ihr Einkommen steigern. 67 Frauen und Mädchen erhielten Beratung und Unterstützung durch die Anlaufstelle. Zudem sind 27 Frauen, die Gewalt erlebt haben, inzwischen in Kleinstunternehmen eingebunden, was ihre Autonomie nachhaltig stärkt.

Projektkosten*: CHF 100'600

Wirtschaftliche Stärkung Intermondes

Frühschwangerschaften und HIV reduzieren
Nach zehnjähriger Zusammenarbeit endete 2024 das Hauptprojekt mit AcDev. In einer verlängerten Phase zur nachhaltigen Verankerung konnten die Fortschritte 2025 weiter gefestigt werden. 30 Jugendliche vertieften ihr Wissen zu sexueller Gesundheit, weitere 30 wurden auf die Leitung von Jugendzentren vorbereitet. Das Jugendzentrum in Pikine wurde renoviert und neu ausgestattet.
Die Herstellung wiederverwendbarer Menstruationsbinden wurde zertifiziert, was den Verkauf in grösseren Mengen ermöglicht und die Eigenfinanzierung des Zentrums stärkt. So wirkt das Projekt über sein offizielles Ende hinaus weiter.

Projektkosten*: CHF 32'800

Jugendliche vor dem Jugendzentrum

Junge Frauen gegen Stigma und Gewalt im Sport
Dieses Pilotprojekt begleitete 2025 eine Gruppe von 15 jungen Frauen, die in männerdominierten Sportarten wie Fussball und Basketball aktiv sind. In diesem Umfeld erleben Sportlerinnen oft Ausgrenzung und Stigmatisierung.
Das Projekt bietet Raum, um Selbstvertrauen aufzubauen und Strategien im Umgang mit Diskriminierung und psychischem Druck zu entwickeln. Durch Leadership-Training und gegenseitige Unterstützung entstand ein Netzwerk, das die Teilnehmerinnen darin stärkt, selbstbewusster und mit mehr Rückhalt ihren eigenen Weg im Sport zu gehen.

Projektkosten*: CHF 38'600

Knowledge Hub – Raum für gemeinsames Lernen
Im «Knowledge Hub» stärkt IAMANEH den Austausch zwischen Partnerorganisationen in Westafrika. In einem «Knowledge Camp» kamen alle 13 Partner aus vier Ländern zusammen, um über Klimakrise, geschlechtsspezifische Gewalt und Online-Sicherheit zu diskutieren.
Ein Workshop sensibilisierte 130 junge Menschen für digitale Gewalt und förderte ein länderübergreifendes Jugendnetzwerk. Zudem diskutierten 34 religiöse Führungspersonen über Genderfragen, um Hindernisse für mehr Gleichstellung sichtbar zu machen und innovative Ansätze zu fördern.

Projektkosten*: CHF 72'400

*gerundet, mit Kofinanzierung DEZA
**mitgetragen vom Migros Unterstützungsfonds

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