Westbalkan • Bosnien-Herzegowina

Bosnien-Herzegowina

Die politische Lage in Bosnien und Herzegowina (BiH) war 2025 sehr instabil. Das Land ist seit 1995 in drei Teile gegliedert: die Föd­e­ra­tion Bosnien und Herzegowina, die Republika Srpska und den Brčko-Distrikt. Die strafrechtliche Verurteilung und Amtsenthebung des Präsidenten der Republika Srpska verschärften die ohnehin tiefe gesellschaftliche Polarisierung. Im Februar 2025 verabschiedete die Republika Srpska ein Gesetz, das Zivilgesellschaftsorganisationen als «ausländische Agenten» einstufte. Das Verfassungsgericht hob es im Mai 2025 zwar auf, doch die Einschüchterungswirkung war bereits spürbar – besonders für Organisationen, die sich für Frauenrechte und Gleichstellung einsetzen. Aktivistinnen im Bereich Femizidprävention und häusliche Gewalt waren Drohungen und gezielten Diffamierungskampagnen ausgesetzt.

Zusätzlich erschütterte der weitgehende Rückzug der US-amerikanischen Entwicklungshilfe aus dem Bereich Geschlechtergleichstellung den Zivilgesellschaftssektor in BiH und der gesamten Region. Viele Organisationen sahen sich abrupt mit Personalabbau, Programmunterbrüchen und dem Wegfall von Dienstleistungen konfrontiert, auf die vulnerable Frauen angewiesen waren. Europäische Geber wie Organisationen der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit gerieten unter Druck, diese Lücke zu schliessen.

Geschlechtsspezifische Gewalt bleibt ein gravierendes gesellschaftliches Problem. Eine erstmals durchgeführte Studie von UNFPA und UN Women ergab, dass jede zweite Frau in BiH seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Form von Gewalt erfahren hat. Die Föderation BiH verabschiedete im März 2025 ein neues Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt und passte im Juli 2025 das Strafgesetzbuch an – entsprechende Reformen in der Republika Srpska stehen jedoch weiterhin aus. Fälle von Femizid erschütterten die Öffentlichkeit und legten systemische Schwachstellen offen: In vielen Fällen waren Behörden über die Gefährdung informiert, ohne ausreichend zu handeln.

Frauen sind politisch nach wie vor stark untervertreten. Das Gesetz schreibt zwar vor, dass mindestens 40 Prozent der Kandidierenden weiblich sein müssen – in gewählte Mandate übersetzt sich dies jedoch kaum. Bei den Kommunalwahlen 2024 waren zwar rund 42 Prozent der Kandidierenden Frauen, gewählt wurden jedoch nur rund 23 Prozent. Die EU-Beitrittsperspektive bietet einen wichtigen Reformrahmen: Nachdem 2024 formelle Beitrittsverhandlungen eröffnet wurden, reichte BiH im September 2025 seine Reformagenda ein. An deren Umsetzung sind Fördermittel geknüpft – darunter konkrete Anforderungen an die Gleichstellungsgesetzgebung und den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt.

Bosnien

Projekte

Täterarbeit und Prävention in Nordbosnien
Das Männerzentrum Modriča setzt auf einen Ansatz, der in der Region selten ist: Es arbeitet direkt mit Tätern häuslicher und sexueller Gewalt – nicht als Strafe, sondern als Chance zur Verhaltensveränderung. In Einzel- und Gruppentherapien lernen Männer, eigene Gewaltmuster zu erkennen und zu durchbrechen.
2025 schlossen 35 Männer die Therapie ab; weitere 55 nahmen an offenen Gruppenangeboten teil. Wirkungsvoll ist die Zusammenarbeit des Männerzentrums mit dem lokalen Frauenhaus: Nachsorgebesuche bei betroffenen Familien zeigen, ob die in der Therapie erreichten Verhaltensveränderungen im Alltag anhalten. Eine wachsende Herausforderung sind Männer mit Angst- und Aggressionsmustern, die auf die politische und wirtschaftliche Instabilität im Land zurückzuführen sind.

Projektkosten*: CHF 108'100

Wirtschaftliches Empowerment gewaltbetroffener Frauen
Für Frauen, die Gewalt erlebt haben, ist wirtschaftliche Unabhängigkeit oft der entscheidende Schritt heraus aus einer gefährlichen Situation. Nach einer ersten erfolgreichen Phase setzt Buduąnost die Arbeit nun in sieben Gemeinden Nordbosniens fort: Gewaltbetroffene Frauen werden rechtlich und psychologisch begleitet und auf den Weg in die Selbstständigkeit vorbereitet.
Das Herzstück ist die «Business Academy» – ein Programm zu Unternehmensführung, digitalen Kompetenzen und Online-Sicherheit, das 2025 von 33 Frauen abgeschlossen wurde. Die psychologische Beratung bildet dabei die Grundlage: Erst im geschützten Rahmen beginnen viele traumatisierte Teilnehmerinnen, sich wieder als handlungsfähig zu erleben.

Projektkosten: CHF 62'400 (ab Juli 2025)

Wirtschaftliches Empowerment Buduąnost

Mädchen stärken, Schutz sichern
Zemlja Djece begleitet marginalisierte Mädchen in Tuzla – insbesondere aus Roma-Gemeinschaften – am kritischen Übergang von der Schule in den Beruf oder weiterführende Bildung. Wo Armut und tradierte Rollenbilder das Risiko von Frühverheiratung und Gewalt erhöhen, setzt das Projekt mit Mentoring und Familienbegleitung an.
52 Mädchen wurden 2025 begleitet – alle schlossen das Schuljahr erfolgreich ab. Zudem bildet das Projekt junge Menschen zu Peer-Edukator*innen aus, die in Workshops Themen wie digitale Gewalt und gesunde Beziehungen mit Gleichaltrigen diskutieren. Trotz einer schweren Überschwemmung des Jugendzentrums konnte der Betrieb durch Improvisation und intensiven Einsatz aufrechterhalten werden.

Projektkosten: CHF 108'100

Zemlja Djece Tuzla Mentoringprogramm

Frauen in der Politik
Frauen in der bosnisch-herzegowinischen Politik kämpfen gegen strukturelle Barrieren und parteiinternes Misstrauen. Das Projekt «Women in Politics» bereitete Kandidatinnen gezielt auf die Kommunalwahlen 2024 vor – mit Trainings, Mentoring und einem Netzwerk über Entitätsgrenzen hinweg.
Die Wirkung war deutlich: In den sieben Zielgemeinden stieg die Zahl gewählter Politikerinnen von 32 auf 45. In Doboj und Gračanica verdoppelte bzw. vervierfachte sich der Frauenanteil sogar. Podcasts mit Porträts politisch aktiver Frauen schaffen bleibende Ressourcen. Dank einer neuen Partnerschaft kann das Projekt ab April 2026 für drei weitere Jahre fortgeführt werden.

Projektkosten*: CHF 11'700

Frauen in der Politik Bosnien

*gerundet, mit Kofinanzierung DEZA

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