Westbalkan • Albanien

Albanien

Albanien ist ein kleines Land im Südosten Europas mit rund 2,4 Millionen Einwohner*innen. Die Wirtschaft wuchs 2025 stabil, vor allem dank Tourismus, Bauwirtschaft und steigender Binnennachfrage. Politisch strebt das Land eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union an – ein Prozess, der umfangreiche Reformen in Bereichen wie Justiz, Verwaltung und Menschenrechte erfordert. Bei den Parlamentswahlen im Mai 2025 gewann die regierende Sozialistische Partei unter Premierminister Edi Rama deutlich. Allerdings ging nur noch knapp die Hälfte der Wahlberechtigten an die Urne, was das weitverbreitete Misstrauen gegenüber der politischen Elite widerspiegelt. Korruption, insbesondere in der Justiz, bleibt ein ernstes Problem.

Die Bevölkerung schrumpft seit Jahren, da viele – vor allem junge und gut ausgebildete – Menschen das Land verlassen. Armut und soziale Ausgrenzung sind deutlich stärker verbreitet als im europäischen Durchschnitt. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern, ältere Menschen sowie die Roma- und Ägypter-Gemeinschaften, die unter weitverbreiteter Diskriminierung leiden – etwa beim Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Justiz. Der Staat investiert im europäischen Vergleich wenig in soziale Sicherungsleistungen wie Sozialhilfe, Renten oder Unterstützung für Familien in Not – und selbst die vorhandenen Hilfsangebote erreichen nur einen Teil der Menschen, die sie bräuchten.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist in Albanien ein gravierendes gesellschaftliches Problem. Durchschnittlich suchen jeden Tag mehr als 14 Frauen und Mädchen Hilfe wegen häuslicher Gewalt. In mehr als 2'800 Fällen beantragten die Betroffenen eine gerichtliche Schutzanordnung. Acht Personen starben 2025 an den Folgen von Gewalt innerhalb der Familie. Landesweit gibt es nur wenige Frauenhäuser, die zudem grösstenteils von Nichtregierungsorganisationen betrieben werden und kaum staatliche Unterstützung erhalten. Die EU fordert, dass solche Schutzeinrichtungen nicht länger als Notlösungen, sondern als grundlegende öffentliche Dienste betrachtet und dauerhaft staatlich finanziert werden.

Das Jahr 2025 war geprägt von wichtigen Gesetzesreformen. Ein neues Gleichstellungsgesetz stärkt den Schutz vor Diskriminierung und nimmt staatliche Institutionen stärker in die Pflicht. Es löste jedoch eine heftige öffentliche Debatte aus, da Gruppierungen mit einem wertkonservativen Familienbild es als Bedrohung der traditionellen Rollenverteilung empfanden.

Im Januar 2026 wurde zudem ein Gesetz gegen Gewalt an Frauen und Mädchen verabschiedet, das erstmals ein eigenes Kapitel zu digitaler Gewalt enthält – etwa Cyberstalking, Online-Belästigung oder die unerlaubte Verbreitung intimer Bilder. Die Bestimmungen zu digitaler Gewalt wurden massgeblich von IAMANEHs Partnerorganisation CLWG (neu: SICA) erarbeitet. Auch das Strafgesetzbuch wird reformiert: Sexuelle Gewalt soll künftig auf Grundlage fehlender Zustimmung definiert werden, und für Täter häuslicher Gewalt sind verpflichtende Rehabilitationsprogramme vorgesehen. Die Europäische Kommission anerkennt diese Fortschritte, kritisiert aber die mangelhafte Umsetzung bestehender Gesetze. Im Staatshaushalt 2026 sind erstmals höhere Mittel für Schutzangebote für gewaltbetroffene Frauen vorgesehen.

Albanien Titelbild

Projekte

Ein Frauenhaus bietet Schutz
Im Frauenhaus Shelter Edlira Haxhiymeri (SEH) in Tirana fanden 2025 insgesamt 48 Frauen und Mädchen sowie 44 Kinder Schutz vor häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt. Neben sicherer Unterkunft erhielten die Betroffenen psychosoziale Beratung, juristische Unterstützung und Berufsbildung.
Ein besonderer Erfolg: 26 Frauen fanden eine Anstellung und konnten erste Schritte in ein eigenständiges Leben unternehmen. Eine Bewohnerin berichtete, sie habe im Frauenhaus zum ersten Mal seit Jahren Sicherheit und Ruhe empfunden. Ergänzend wurden drei Jugendakademien aufgebaut, in denen 62 junge Erwachsene als Peer-Educators für Gewaltprävention und Gleichstellung ausgebildet wurden und eigenständig Sensibilisierungsaktionen in ihren Gemeinden organisierten. Eine zentrale Herausforderung bleibt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum nach dem Aufenthalt, was die nachhaltige Wiedereingliederung erschwert.

Projektkosten*: CHF 97'000.–

Albanien Frauenhaus SEH Tirana

Sicherheit für Frauen und Mädchen im digitalen Raum
Das dreijährige Projekt unserer Partnerorganisation SICA (ehemals CLWG) wurde 2025 erfolgreich abgeschlossen. Der grösste Erfolg: Die im Projekt erarbeiteten Bestimmungen – darunter klare Definitionen von Cyberstalking und Online-Belästigung – wurden im Januar 2026 in das geänderte Gesetz gegen Gewalt an Frauen aufgenommen. Damit wird digitale Gewalt erstmals gesetzlich als eigenständige Gewaltform anerkannt.
Über die Projektlaufzeit erhielten über 1'300 Frauen psychosoziale Online-Beratung, 577 Betroffene profitierten von Rechtsbeistand und 855 Frauen nahmen an Mentoring-Programmen zur digitalen Sicherheit teil. Zudem wurden Polizeibeamt*innen und Richter*innen im Umgang mit digitaler Beweissicherung geschult. Die zunehmende Polarisierung im öffentlichen Diskurs erschwerte jedoch trotz des Gesetzeserfolgs die Advocacy-Arbeit.

Projektkosten*: CHF 106'100.–

Sicherheit im digitalen Raum Albanien

Zugang zu Recht und Schutz für Frauen aus marginalisierten Gemeinschaften
Das im Juli 2025 gestartete Projekt des Roma Women Rights Centre (RWRC) stärkt den Zugang von Roma- und Ägypter-Frauen zu Justiz, psychosozialer Unterstützung und Schutzdiensten in Tirana und Shkodra. Diese Gemeinschaften sind in Albanien strukturell stark benachteiligte Minderheiten.
In ersten Sensibilisierungssitzungen setzten sich 15 Frauen mit ihren Rechten und Hilfsangeboten auseinander. Mehrere Teilnehmerinnen meldeten daraufhin erstmals Gewalterfahrungen und suchten aktiv rechtliche Hilfe – ein Zeichen wachsenden Vertrauens in die Institutionen. Elf Frauen wurden beim Zugang zu Sozialleistungen und der schulischen Anmeldung ihrer Kinder unterstützt. Herausforderungen bleiben fehlende Ausweispapiere und die wirtschaftliche Abhängigkeit von gewalttätigen Partnern.

Projektkosten*: CHF 30'500.–

RWRC Roma Women Rights Centre Albanien

Gewaltberatung für Männer
Die Beratungsstelle CLMB in Tirana begleitete 2025 insgesamt 132 gewalttätige Männer in über 2'100 Sitzungen. Ziel ist es, nachhaltige Verhaltensänderungen zu erreichen und weitere Gewalttaten zu verhindern. Zunehmend melden sich Männer freiwillig an, was auf eine wachsende Bereitschaft hindeutet, Hilfe zu suchen.
Parallel führte CLMB 60 Workshops an Schulen durch, in denen sich rund 1'400 Jugendliche mit positiver Männlichkeit auseinandersetzten. Ein Meilenstein war die Registrierung des Albanischen Netzwerks für Täterarbeit (AN WWP). Eine besondere Herausforderung stellten psychische Erkrankungen und Suchtprobleme dar, während es landesweit kaum spezialisierte Anlaufstellen für Suchterkrankungen gibt.

Projektkosten*: CHF 117'200.–

Gewaltberatung für Männer CLMB

Gewaltprävention mit Männern und Jugendlichen in Nordalbanien
Die Beratungsstelle ZDB in Shkodra wird von Woman to Woman (WtW) betrieben und kombiniert Täterrehabilitation mit geschlechtertransformativer Prävention. 2025 begleitete ZDB 78 Gewalttäter in über 500 Einzelsitzungen. Neu ist die Beratung von Jugendlichen, die von Polizei oder Schulen zugewiesen wurden.
Cybergewalt ist ein auffällig häufiges Problem – viele Jugendliche erkennen ihr eigenes Verhalten nicht als problematisch an. Die grösste Hürde bleibt, dass Gerichte Täter trotz gesetzlicher Pflicht selten an Rehabilitationsprogramme überweisen. Zudem erschweren wirtschaftliche Not und saisonale Arbeitsmigration die kontinuierliche Teilnahme am Programm.

Projektkosten: CHF 100'100.–

Beratungsstelle ZDB Nordalbanien

*Kofinanzierung DEZA

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